Vom Bleifuß zum Pedalritter – mehr Radfahrer für Kopenhagen

| April 1, 2014

isitabird

Wie gelingt es uns, mehr Autofahrer zum Umsteigen auf das Fahrrad zu motivieren,  wenn sie ihre morgendlichen Wege zur Arbeit oder zur Ausbildungsstelle zurücklegen? Diese herausfordernde Frage wurde uns Anfang des Jahres vom Amt für Technik und Umwelt der Kopenhagener Kommunalverwaltung gestellt. Das Amt hat das ehrgeizige Ziel, die Anzahl der Rad fahrenden Arbeitnehmer und Auszubildenden von heute 35% auf 50% im Jahr 2015 zu erhöhen.

Für die Kommunalverwaltung ist die Herausforderung ein wicked problem. Damit verhehlt sie nicht, dass sich eine komplizierte Aufgabe hinter dem Anspruch verbirgt, eine große Gruppe Autofahrer an das Radfahren heranzuführen. Deswegen ist sie offen für radikale neue Lösungen.

Eine andere Herangehensweise

Wir orientierten uns an einem Auftrag, den wir bereits früher für das Fahrradamt der Stadt durchgeführt hatten und wo der Schwerpunkt auf einer nutzerbasierten Konzeptentwicklung für drei besondere Projekte lag. Die Arbeit an dem „wicked problem“ –Projekt der Stadt ermöglichte uns eine gründliche Auseinandersetzung mit den Autofahrern als Zielgruppe; wir ergründeten ihren Alltag und waren dabei nicht darauf aus, mit erhobenem Zeigefinger auf Lösungen zu zeigen oder die Verhältnisse für die Autofahrer zu erschweren. Vielmehr wollten wir verstehen und die Einfallstore finden, die es erlauben würden, auf die Verkehrsmittel-Wahl der Autofahrer einzuwirken.

Die Antworten, die wir erhalten, sind bedingt durch die Fragen, wie wir stellen. Deswegen ist es entscheidend, die richtigen Fragen zu stellen. Geht es um unsere täglichen Gewohnheiten und Aufgaben, so ist es eine besondere Herausforderung, an Daten zu gelangen, die keine nachgeschobenen Begründungen oder Idealisierungen enthalten,  sondern im Gegenteil Daten zu erhalten, die unsere tatsächlichen Beweggründe und Gewohnheiten widerspiegeln.

Ein gutes Beispiel ist die Fahrradstatistik, die alle zwei Jahre vom der Kommunalverwaltung in Kopenhagen veröffentlicht wird. Hierin sind Autofahrer unter anderem gefragt worden, was sie zum Wechsel auf die Fahrradspur motivieren könnte. Ganz oben auf der Hitliste der Antworten stehen Fahrradwege, die vom Motorverkehr getrennt verlaufen. Dies ist ein gutes Beispiel über das Wissen, das wir erlangen, wenn wir gezielt nachfragen. Bessere Radwege allein bringen nicht unbedingt die Autofahrer aufs Fahrrad, aber die Antwort zeigt das, was sie formulieren und befürworten.

Methode

Unsere Untersuchungsanordnung verfolgte das Ziel, auf Umwegen Transportgewohnheiten und Verhalten zu ergründen, anstatt direkt danach zu fragen. Das Zeitmoment (wann werden Transportgewohnheiten etabliert und zu welchen Zeitpunkten werden in Frage gestellt?) und die Bedeutung von Familie und Arbeitsplatz für die Wahl des Verkehrsmittels  sowie geografische Parameter wie zum Beispiel der Unterschied von Wohn- und Arbeitsplatz sollten untersucht werden.

Wir haben eine Reihe eingehender Interviews und viele Beobachtungen (u. a. aus der Rücksitzperspektive) von Kopenhagener Autofahrern durchgeführt sowie Recherche und Untersuchungen genereller Trends und Tendenzen auf den Gebieten Mobilität, Großstadt und Verhältnis zum Auto vorgenommen. Darüber hinaus forderten wir  einige unserer Versuchspersonen auf, mit dem Fahrrad oder mit dem Zug zur Arbeit zu fahren, um eine Hypothese zu überprüfen, wonach die Wahl des Verkehrsmittels stark gewohnheitsabhängig ist und die Meinung zum Fahrrad an Vorurteile ohne wirkliche Erfahrungen anknüpft.

Sieben  Wege der Innovation

Vor dem Hintergrund all unserer Forschungsergebnisse haben wir folgende Wege der Innovation definiert und entwickelt, die wir für geeignet halten, Autofahrer zum Umsatteln auf das Fahrrad zu veranlassen:

1. Ausweitung der innerstädtischen Verkehrsverhältnisse auf die Außenbezirke (die „Brückenviertel“)

Zahlreiche Autofahrer akzeptieren die innerstädtischen Einschränkungen für Autos und entscheiden sich, das Kfz  aufgrund von Einbahnstraßen, Passanten auf der Fahrbahn und Radfahrern, die dort fahren, wo sie wollen, stehenzulassen.  Darum ist ein großes Potential darin zu sehen, dass der lebhafte Innenstadtraum erweitert wird, so dass auch Teile der sog. Brückenviertel umfasst sind und hierdurch Ortslagen mit weniger Autos und mehr Platz für Leben und Erleben geschaffen werden.

 

2. Entwicklung einer Fahrradkultur durch Infrastruktur mit schwachen Normen (schwache Normen sind unsere Bezeichnung für eine Art von Verhaltensmustern, die richtungweisend sind, ohne rigide zu sein)

An ergänzender Fahrrad-Infrastruktur besteht weiterhin Bedarf – im Gegensatz zum Effektivitätsparadigma des Plusnetzes mit seinem abgetrennten Verkehr und daraus resultierender zeitweilig aggressiver Stimmung unter den Verkehrsteilnehmern. Dies hält viele Autofahrer davon ab, erste Erfahrungen [als Radfahrer] zu sammeln. Indem Bereiche in der Stadt geschaffen werden, in denen die Geschwindigkeit generell verringert wird, mit schwächeren Normen und geteilten Orten, entsteht eine rücksichtsvollere und tolerantere Kultur des Radfahrens.

 

3. Parkplätze zu „entfernen“ soll attraktiv werden.

Das Parken ist die ganz große Achillesferse des Autos, und der Moment, in dem  der Nutzer die Begrenztheit des Autos spürt. Verfügbarkeit und Kosten sind wichtige Faktoren und können dafür entscheidend sein, ob die Wahl auf das Auto fällt. Indem mit dem Thema „Parken“ strategischer umgegangen wird, und es attraktiver gemacht wird, Parkplätze für andere Zwecke zu nutzen, kann das Radfahren gefördert werden.

 

4. Den existierenden Autobestand in Kopenhagen besser nutzen

Ist das Auto erst Teil des Alltags geworden, richtet der Bürger sein ganzes Leben auf das Fahrzeug aus, und das Interesse am Auto steigt weiter. Der Autokauf sollte daher ganz vermieden oder verzögert werden. Indem alle in Kopenhagen vorhandenen Kfz effektiver durch Mehrere genutzt und bessere und zahlreichere alternative Car-Sharing- Modelle etabliert werden, wird ein stärkerer Anreiz geschaffen, sich nicht selber ein Auto anzuschaffen.

 

5. Entwicklung der Fahrradstellplätze in der Nähe von Einkaufs- und Pendlerorten

Wenn das Fahrrad sich unter den Autofahrern durchsetzen soll, dann ist es wichtig, dass sie es als relativ komfortables Mittel wahrnehmen, um weiterhin die Geschäfte des Alltags erledigen zu können. Hier ist es wichtig, dass die Stellmöglichkeiten insbesondere vor Geschäften und Haltestellen des öffentlichen Personen-Nahverkehrs als sicher, überschaubar und funktional erlebt werden. Indem bessere Stellmöglichkeiten geschaffen werden, entstehen ein besserer „Flow“ und eine angenehmere Wahrnehmung des Radfahrens.

 

6. Die einzigartige Position der Unternehmen nutzen

Unternehmen haben eine einzigartige Position, wenn es darum geht, tägliche Gewohnheiten und Normen zu beeinflussen. Es liegt nahe, intensiver mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten und alternative Lösungsmodelle zu wagen, die den Rahmen traditioneller Informationskampagnen überschreiten.

 

7. Den Vorteil für die eigene Gesundheit sichtbar machen

Viele Leute unterscheiden zwischen Transport und Bewegung und sehen nicht im Fahrrad eine Möglichkeit, beides zu verbinden. Der Zugewinn an Gesundheit ist aber ein erlebbarer Vorteil, der sich erst zeigt, wenn die Bürger sich auf das Fahrrad eingelassen haben. Es liegt deswegen ein großes Potential darin, diese Verbindung deutlicher sichtbar zu machen und den Bürgern die ersten Erfahrungen mit dem Fahrrad zu ermöglichen, damit sie rasch den Vorteil am eigenen Körper spüren und motiviert werden können, ihre Gewohnheiten zu ändern.

 

Die Stadt Kopenhagen wird, ausgehend von diesen sieben Punkten der Innovation, das Engagement zur Förderung des Fahrradfahrens im Hauptstadtgebiet verstärken.

 

Übersetzung ins Deutsche von Christina Nawrocki, www.denmark-berlin.de

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Category: March 2014 - German, Newsletters in German

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