Rad fahren oder nicht Rad fahren…

| April 1, 2014

to cycle...

Was fehlt noch, damit die Dänen Rad fahren?

Kurz gesagt: Die meisten wissen, dass Radfahren gesünder ist als Bus- oder Autofahren. Trotzdem fällt es den Leuten schwer, ihr Verhalten zu ändern. Sowohl dem Lebensumfeld als auch den individuellen Verhältnissen kommt Bedeutung bei der täglichen Wahl des Verkehrsmittels zu.

Von Thomas Madsen, University of Southern Denmark

Körperliche Aktivität und Gesundheit

Mehrere Studien zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und niedrigerer Sterblichkeit. Körperliche Inaktivität wird in unterschiedlichen Quellen definiert als weniger als 2,5 Stunden Aktivität mit moderater Intensität pro Woche. Schätzungsweise 30% bis 40% der dänischen Bevölkerung sind dieser Definition nach inaktiv [1]. Dies hat beispielsweise große Bedeutung für die Entwicklung von Zivilisationskrankheiten.

Es gibt also gute Gründe dafür, zu untersuchen, wie die körperliche Betätigung gesteigert werden kann – beispielsweise durch Fahrradfahren. Es liegt aber ein großer Unterschied darin, zu wissen, was man tun sollte, und dem rein tatsächlichen Praktizieren dessen.

Das Umfeld hat große Bedeutung für das Fahrradfahren.

Der oben genannte Unterschied kann zweifellos verschiedenen Faktoren zugeschrieben werden, aber es wurde in mehreren Studien bestätigt, dass das Umfeld bedeutsam dafür ist, ob man das Fahrrad für die Bewältigung von Wegen im Alltag verwendet. Mit Umfeld ist sowohl die physische Lebensumwelt um uns herum als auch die politische Kultur gemeint. Der Einfluss durch das Umfeld wird außerdem durch den soziobiografischen Hintergrund wie Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und ethnische Herkunft moderiert.

Die Bedeutung des Umfelds für das Fahrradfahren kann somit von großer Relevanz sein, insbesondere bei der Frage, wie verschiedene Faktoren die theoretische Radfahr-Freundlichkeit eines Gebietes beeinflussen.

Fahrrad-Index enthüllt die Fahrrad-Freundlichkeit eines Gebiets

Inspiriert durch ausländische Studien, in welchen die Bedeutung des Umfelds für das Zu-Fuß-Gehen untersucht wurde, kann ein sog. Walkability-Index angefertigt werden [2]. Da mehrere der Faktoren, die im Alltag die Menschen zum Gehen anregen, mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Entscheidung, das Fahrrad zu nehmen oder nicht zu nehmen, beeinflussen, kann auch ein Bikeability-Index angefertigt werden [3,4].

Die häufig in derartigen Analysen enthaltenen Faktoren sind:

– Bevölkerungsdichte
– Grad der Verzweigung des Wegenetzes
– Verschiedenartigkeit der Flächennutzung
– das Verhältnis von Gebäude- zu Grundstücksflächen

Theoretisch wird ein Gebiet mit einer hohen Bevölkerungsdichte, vielen Verkehrskreuzungen, einer gemischten Flächennutzung (Verhältnis von Dienstleistungen, Handel, öffentlichen Einrichtungen, Ausbildung und Verwaltung) sowie Gebäuden, die im Verhältnis zur Grundstücksfläche viel Raum einnehmen, eine positive Auswirkung auf Gehen und Radfahren haben [2-4].

Was sind die Gründe hierfür?

  • Es müssen gewisse Fahrtziele vorhanden sein
  • Es müssen genügend Menschen vorhanden sein, um die Grundlage für vielfältige Ziele auf einem kleineren Gebiet zu bilden.
  • Es muss einfach sein, von A nach B zu gelangen.
  • Wenn Gebäude im Verhältnis zur Grundstücksfläche viel Raum einnehmen, gibt es für Kfz nicht genügend Parkraum – deswegen nutzt man das Fahrrad oder geht zu Fuß, um einzukaufen.

 

In einem Bikeability Index  können weiterhin Geländeanalysen und die Ausdehnung des Fahrradwege-Netzes enthalten sein. Studien haben dementsprechend ergeben, dass hügeliges Gelände auf das Radfahren eine negative Auswirkung hat, wohingegen das Vorhandensein von Radwegen einen positiven Effekt besitzt [5].

Mehrgleisiger Einsatz erbringt wahrscheinlich bessere Ergebnisse

Ausgehend von den oben genannten Erkenntnissen kann diskutiert werden, wie die Gewohnheiten der Menschen am besten in eine positive Richtung gelenkt werden können. Viel deutet darauf hin,  dass eine Strategie, die dafür sorgt, dass die räumliche Umgebung zum Radfahren einlädt und dass die Einstellung der Menschen zum Fahrradfahren und ihre eher unbewusste Handlungsweise beeinflusst werden, am besten gelingt [6].

Nudge – ein freundlicher Anstoß

Nudging kann mit „ein freundlicher Impuls in die richtige Richtung” übersetzt werden und soll uns dabei helfen, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Entscheidungs-Architektur kann Rahmen bilden, wo die „richtigen“ und rationalen Entscheidungen auch leichtere Entscheidungen sind. Ein Nudge soll durchschaubar und frei von Nötigung sein. Ein gebräuchliches Beispiel ist das auf der Innenseite von Pissoir aufgebrachte Bild einer Fliege, welches die Präzision bei den Nutzern des Pissoirs erhöht. Diese können sich nach wie vor entscheiden, „daneben“ zu treffen, aber es ist wohl selten eine bewusste Entscheidung. Auf diese Weise kann Nudging unser Verhalten durch bewusste wie unbewusste Auswahl beeinflussen [7].

In Bezug auf gesundes Verhalten ist dies oftmals schwierig, da die Konsequenzen einer Handlung oft weit in der Zukunft liegen (Krankheit, altersbedingte Funktionsbeeinträchtigungen, frühzeitiger Tod usw.). Kurzfristig hat es keine großen Konsequenzen, körperlich inaktiv zu sein, und viele sehen es als Privatsache an, was sie essen und wie aktiv sie sind. Nudging kann als Eingriff in die persönliche Freiheit angesehen werden, und mit Recht kann man ein Fragezeichen hinter die Frage setzen, wie weit die Gesellschaft sich in die Gesundheit bzw. mangelhafte Gesundheit der Bürger einmischen soll [8]. Es ist jedoch eine wenig bevormundende Art, Verhaltensänderungen herbeizuführen und wird daher von vielen für vorteilhafter im Vergleich zu Restriktionen, Regeln und Gesetzgebung gehalten [9].

Wie bekommen wir mehr Leute aufs Fahrrad?

Die Frage ist also: Wie schaffen wir es, Leute aus eigenem freien Willen ihr Verhalten in unserem Sinne ändern zu lassen? Nudging kann Teil der Antwort sein, und hierin liegt auch ein struktureller Vorsorgegedanke, der unsere Stadtumgebungen in das Bemühen um mehr Körperaktivität einbezieht [9].

Wenn das Umfeld  in erhöhtem Maß das Fahrradfahren begünstigt und darauf setzt, Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Fahrradfahren zu einer einfachen und rationalen Entscheidung machen, sind wir schon weit gekommen. Wenn schon wir Menschen oftmals irrational handeln, benötigen wir ein Umfeld, das uns dabei hilft, die richtige Wahl zu treffen – wie zum Beispiel Fahrrad zu fahren, statt Auto.

Übersetzung ins Deutsche von Christina Nawrocki, www.denmark-berlin.de

1. Sundhedsstyrelsen: Fysisk aktivitet – håndbog om forebyggelse og behandling. In Book Fysisk aktivitet – håndbog om forebyggelse og behandling (Editor ed.^eds.). City; 2011.

2. Frank LD, Sallis JF, Saelens BE, Leary L, Cain K, Conway TL, Hess PM: The development of a walkability index: application to the Neighborhood Quality of Life Study. Br J Sports Med 2010, 44:924-933.

3. Owen N, De De Bourdeaudhuij I, Sugiyama T, Leslie E, Cerin E, Van Van Dyck D, Bauman A: Bicycle use for transport in an Australian and a Belgian city: associations with built-environment attributes. Journal of urban health : bulletin of the New York Academy of Medicine 2010, 87:189-198.

4. Madsen T, Schipperijn J, Troelsen J, Christiansen LB, Duncan S, Nielsen TS: Associations between neighbourhood walkability and cycling in Denmark. Cycling Research International 2013, 3:pp154-170.

5. Heinen E, van Wee B, Maat K: Commuting by Bicycle: An Overview of the Literature. Transp Rev 2010, 30: 59-96.

6. Kremers SP, de Bruijn GJ, Visscher TL, van Mechelen W, de Vries NK, Brug J: Environmental influences on energy balance-related behaviors: a dual-process view. The international journal of behavioral nutrition and physical activity 2006, 3:9.

7. Thaler R, Sunstein C: Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness. Yale University Press, New Haven CT; 2008.

8. Sundhedsstyrelsen: Etik i forebyggelse og sundhedsfremme. In Book Etik i forebyggelse og sundhedsfremme (Editor ed.^eds.). City; 2009.

9. Troelsen J: Building in Prevention: Nudging Towards Physical Activity and Public Health. In; 2013

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Category: March 2014 - German, Newsletters in German

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