Kopenhagens Fahrradbürgermeisterin: Gebt den Fahrrädern ihren Platz zurück

Es herrscht Kampf um den Raum in der Hauptstadt des Landes. Und es bedarf politischen Mutes, den Autos Platz zu nehmen und ihn den Radfahrern zu geben. Doch das Ergebnis ist ein besseres Stadtklima für alle, sagt die Kopenhagener Technik- und Umweltbürgermeisterin.

Fahrradwissen trifft Ayfer Baykal in ihrem Büro im Kopenhagener Rathaus, erster Stock, Zimmer 36, mit Aussicht auf das Tivoli auf der gegenüberliegenden Seite. Unter ihren Fenstern, auf dem H. C. Andersens Boulevard, tobt der Verkehrscocktail, für den Kopenhagen bekannt geworden ist: die Mischung aus Fahrrädern und Autos.

Ayfer Baykal, 36 Jahre alt, ist ausgebildete Sozialarbeiterin. Seit 2010 ist sie gewählte Bürgervertreterin für die Sozialistische Volkspartei (SF) und seit Mai 2011 Technik- und Umweltbürgermeisterin. Der Bürgermeistertitel kam schnell und plötzlich, als der frühere Technik- und Umweltbürgermeister der SF, Bo Asmus Kjeldgaard nach einem Ausflug auf die Titelseiten der Boulevardblätter von einem Tag auf den anderen zurücktrat. Vor Bo Asmus Kjeldgaard saß Klaus Bondam auf dem Posten, und er wurde sowohl in Kopenhagen als auch international wegen seines passionierten Verhältnisses zu Fahrrädern bekannt. Ayfer Baykal hat ein knappes Jahr Zeit gehabt, um ihre eigene Position auf dem Gebiet zu finden:

Als Technik- und Umweltbürgermeisterin ist Ayfer Baykal die oberste Verantwortliche für Kopenhagens Fahrradpolitik, eines der am stärksten profilierten Politikfelder in der dänischen Hauptstadt. Sowohl dänische als auch internationale Medien berichten häufig über die Kopenhagener Radwege. Täglich fahren 150.000 Menschen mit dem Rad zu ihren Arbeitsplätzen oder Ausbildungsorten in Kopenhagen. Eine außergewöhnlich hohe Anzahl Radfahrer, egal, welchen Maßstab man anlegt, auch im Vergleich zu Metropolen, die weitaus größer sind als Kopenhagen.

Auf dem Weg zum Interview mit Ayfer Baykal habe ich soeben den Artikel des Tages in der englischen Times gelesen: „Not only are the Danes good at TV drama, they know about bikes, too.“ In dem groß aufgemachten Artikel erzählt Ayfer Baykal ein weiteres Mal einer internationalen Zeitung, wie es geglückt ist, so viele Menschen aus den Autos und auf das Fahrrad zu bekommen. Die englischen Medien sind unter anderem ganz begeistert von dem TV-Drama „Das Verbrechen“ im staatlichen Sender DR, das im Kopenhagener Rathaus spielt und jetzt durch die BBC ausgestrahlt wird. Nun verwenden sie die Popularität des Verbrechens, um über ein anderes Kopenhagener Phänomen zu erzählen: Ganz gewöhnliche Leute in ganz gewöhnlicher Kleidung, die massenhaft zur Arbeit radeln!

Ayfer Baykals Pressechef, Morten Rixen, setzt sich mit an den Tisch, um zuzuhören. Ich hatte eigentlich mit dem Pressechef vereinbart, das Interview auf einen Zeitpunkt zu legen, an dem Klarheit über den Bezahlungsring erzielt worden ist. Aber hier und jetzt, am Dienstag, dem 7. Februar, haben die Regierungsparteien und die Einheitsliste keineswegs abgeklärt, wie der Ring in der Praxis gestaltet werden soll:

Die Frage ist, ob ein Teil der Gelder vom Bezahlungsring an die neuen „Super-Fahrradwege“ gehen soll, die mit der Öffnung der Albertslund-Route am 14. April lanciert werden.

Baykal zieht den Stuhl ganz nah an den Tisch: „Frag los.“

Fünf kritische Fragen an die Fahrradbürgermeisterin

  1. Ayfer Baykal, welche Bedeutung wird den neuen Super-Fahrradwegen innerhalb der Kopenhagener Fahrradpolitik beigemessen?„Die Autofahrer können direkt von den Umlandgemeinden in die Mitte der Stadt fahren. Die Super-Radwege sollen den Radfahrern die gleiche Möglichkeit geben. Deswegen sind die Super-Radwege ein wesentlicher Teil der Kopenhagener Fahrradpolitik. Wir wissen, dass viele Autofahrer in Verbindung mit dem Bezahlungsring eine andere Transportform wählen werden, und hier werden das Fahrrad und die Super-Radwege eine Alternative für viele sein.“
  2. Die Super-Fahrradwege bestehen in erster Linie aus einem Ausbau der Verbindung zwischen bereits existierenden Radwegen, aber zwischendurch beanspruchen neue Radwege zusätzlichen Raum. Hätten Sie einige gute Ratschläge für Politiker und Verwaltungen in anderen Gemeinden des Landes, wo man gerne die Fahrradkultur und die Infrastruktur ausbauen möchte?„Das ist eine politische Priorität. Eine Frage des politischen Willens. Es ist nichts, wofür die Verwaltung die Initiative ergreifen sollte. Die Verwaltung wird schon dafür sorgen, dass die besten Lösungen gefunden und umgesetzt werden, aber die Ideen, Prioritäten und Visionen müssen von den Politikern kommen.“
  3. Das klingt leichter gesagt als getan. Was brauchen wir?„Du kannst dir nicht mehr Platz herbeidenken. Es gibt eine bestimmte Anzahl Quadratmeter, die zum bestmöglichen Nutzen der Bürger der Stadt verteilt werden müssen. In Kopenhagen sind wir der Tendenz, die du in vielen anderen Ländern siehst, entgegengetreten: der Tendenz dahin, dass die Autos automatisch den meisten Platz in der ganzen Stadt beanspruchen. Aber wenn du die Fahrradwege ausbauen willst, bedeutet dass, dass du etwas anderes beschneiden musst.
  4. Wo schneidet man – ganz konkret?„Man muss zum Beispiel etwas von den Straßen wegnehmen. Das erfordert politischen Willen und Mut. Hier im Rathaus schauen wir uns an, wo wir  – ganz konkret – etwas von einer Straße oder einem Parkplatz nehmen und es in einen Fahrradweg verwandeln können.“
  5. Aber von den Straßen nehmen und den Fahrradwegen geben – das löst doch Widerstand aus?„Die Autos haben durch die Jahre einen Großteil des Raums in der Stadt geraubt. Wir versuchen, das Gleichgewicht wieder herzustellen, indem wir den Fußgängern und Fahrradfahrern etwas zurückgeben. Wie wir in der Nørrebrogade gesehen haben, ruft es Proteste hervor. Anfangs. Aber jetzt können die meisten die Vorteile erkennen. Es ist ja nicht nur zum Vergnügen der Radfahrer, sondern auch der Menschen, des Stadt- und Geschäftslebens insgesamt. Aber es gibt Widerstand. Und diese Art von Entscheidungen erfordert politischen Mut.“

In der Folge wurde der Bezahlungsring ganz aufgegeben und durch eine Kommission und Mittel in Höhe von einer Milliarde Kronen ersetzt. Die Danish Cyclist´s Federation fordert dazu auf, einen Teil des Geldes für Super-Fahrradwege zu verwenden.

Übersetzung ins Deutsche von Christina Nawrocki, www.denmark-berlin.de

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Category: March 2012, Newsletters in German

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